Der Ochse. Ein Lehrstück zur Schwarmintelligenz

... hier lesen Sie Teil 2 des Beitrags "Motor des Web 2.0"


Es ist 1906, Westengland. Auf der alljährlichen Messe für Mastvieh und Geflügel (der West of England Fat Stock and Poultry Exhibition in der Nähe von Plymouth) steht ein massiger Ochse. Er wird diese Schau leider nicht überleben, denn auf ihn werden bereits Wetten gesetzt. Derjenige, der das Schlachtgewicht dieses Hornviehs - also nachdem es bereits ausgeweidet ist - am genauesten schätzt, der wird einen Preis gewinnen.

Für ein Sixpencestück können sich die Messebesucher eine nummerierte Karte kaufen, auf der Name und das Schätzgewicht einzutragen sind. Rund 800 Leute versuchen ihr Glück.

Ins Schwarze treffen
Es ist eine bunt zusammengewürfelte Melange an Menschen - darunter viele Fleischhauer und Bauern, die sicherlich Erfahrungen zu Viehgewichten gesammelt haben. Aber es beteiligen sich auch viele schaulustige Laien, die sich einen Gewinn erhoffen und über kein Insiderwissen verfügen - Büroangestellte usw.

 

Murnauer Ochse (Foto: Zuchtverband Weilheim)

 

 

Der damals 85-jährige Naturforscher Sir Francis Galton, der die Viehmesse besucht hatte, borgte sich nach der Auszählung und Preisverleihung von den Veranstaltern die Wettkarten. Um die Dummheit der breiten Masse statistisch zu belegen, von der er - Kind seiner Zeit - zutiefst überzeugt war, entschloss sich Galton zu folgendem spontanen Experiment. Er ermittelte von den genau 787 Schätzungen den Durchschnitt - also die Summe aller Gewichtsschätzungen geteilt durch die Anzahl der Spieler. Nun, Sir Galton war von dem Ergebnis, in britischem Understatement gesprochen, verblüfft!

Später berichtete er darüber in der Wissenschaftszeitschrift Nature. Das durchschnittliche geschätzte Gewicht - also die Meinungen einiger extrem kundiger Fachleute, etlicher mittelmäßiger und einem Haufen ungebildeter Individuen - ergab 1.197 britische Pfund. Das tatsächliche Schlachtgewicht betrug nur ein Pfund mehr: 1.198. Die beste Einzelschätzung lag davon weit entfernt. Die Masse hatte also fast ins Schwarze getroffen.

Vox Populi
Das war wohl die Geburtsstunde des wissenschaftlichen Nachweises von kollektiver Intelligenz. Galton nannte es Vox Populi, die Stimme des Volkes, und stellte das Phänomen analog zum Wahlrecht in demokratischen Gesellschaften.

Kollektive Intelligenz kommt heute zum Tragen in den Gebieten der Wirtschaft (siehe Aktienkurse), Forschung (siehe OpenSource Software), Gesellschaft, Politik, Verkehr, Familie und im Alltag - sei es wissentlich oder unwissentlich. Insbesondere natürlich bei Wikis, bei Blogs, bei Tagging, bei Folksonomien usw.

*

Im nächsten Blogeintrag, so in zwei drei Tagen, versuchen wir die Voraussetzungen zu beleuchten, unter denen kollektive Intelligenz entstehen kann.

(*!°)


grügü (anonym) Mi, 27. Jun, 10:06

Ein schönes Beispiel - mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass es sich dabei um einen Versuch unter "Laborverhältnissen" handelt. Warum Laborverhältnisse?
Der Schwarm, also die breite Masse, hatte als Grundlage Ihrer Schätzung nur den Ochsen vor Augen und wusste nichts von der späteren Auswertung. Somit war das Ergebnis der Auswertung regelrecht jungfräulich rein.

Wie würde dies heute aussehen? Im Web 2.0?

Der Schwarm wäre natürlich größer. Die Abstimmung findet virtuell statt. Der ausgesetzte Preis wäre ein nicht unbeträchlicher Geldbetrag, da die Abstimmung von einem Pharmakonzern (der Aufbaupräparate für die Rindermast herstellt) gesponsert wird. In Chats und Blogs wird das vermutliche Schlachtgewicht und die Methoden der Ermittlung des selbigen ausführlich diskutiert. Flashanimationen zur zuverlässigen Gewichtsbestimmungen von Ochsen werden online gestellt. Es gibt ein Minigame "Ochsenschlachten". Eine Aktionsgemeinschaft "Rettet den Ochs" formiert sich - online mit Blogs. Im den Chats wird der Umgangston rauer - Gegner und Befürworter der Abstimmung formieren sich. Die Medien greifen das Thema auf. Die Krone berichtet auf Seite 1. Die Grünen stellen einen Initativantrag im Parlament. Die gewerbliche Wirtschaft, Sektion Fleischhauer, wehrt sich gegen die Verunglimpfung ihres Berufstandes. Usw., usw., ......

Und am Ende der Abstimmung?

Trotz massiver Beeinflussung der abstimmenden Personen wird das Schlachtgewicht exakt ermittelt. Trotz Marketing und Propaganda sind und bleiben 1.198 brit. Pfund 1.198 brit. Pfund. Die politischen Parteien feiern das Ergebnis als Beweis für die Intelligenz der Massen und eine Partei rechts-rechts der politischen Mitte präsentiert das Ergebnis einer Abstimmung, die auf deren Homepage veranstaltet wurde, das 87,4 % der Wiener der Meinung sind, dass Migranten dumm sind und stinken .........

Conclusio?

Bei naturwissenschaftlichen und beweisbaren Themen hilft die Schwarmintelligenz sicher weiter. Schon aus statistischen Gründen: je größer das Sample, desto genauer das Ergebnis. Aber diese Erfahrung jetzt 1 zu 1 auf soziale und politische Gegebenheiten umzulegen ist meiner Meinung nach Hurrapatriotismus. Vor allem wenn dabei die Abstimmung massiv durch erlaubte und weniger erlaubte Mittel beeinflusst wird. Es gilt noch immer, trotz 70 Mill Blogs: Quantität und Qualität sind zwei verschiedene Paar Schuhe - auch im Web 2.0

grügü

PS: Der Ochse wurde dann doch nicht geschlachtet. Er wurde auf einen Biobauernhof in der Steiermarkt gebracht, damit er dort sein Gnadenbrot geniesen kann. Da beim Transport das Wetter so heiß war und der Viehtransporter mit einer defekten Tränke ausgestattet war starb allerdings der Ochse und 20 weitere Rinder während des Transportes an Dehydrierung......

Werner Buhre Mi, 27. Jun, 12:41

Die zutreffendsten Ergebnisse lassen sich natürlich bei Problemstellungen ermitteln, bei denen es ein genau belegbares, eindeutiges Ergebnis gibt. 1198 britische Pfund lassen sich klarerweise wiederholt nachweisen ...

Mehr diskutieren kann und muss man bei Fragestellungen wie zum Beispiel: "Wie läßt sich ein internes Netzwerk am besten sichern?" - Aber auch hier weiß die Menge mehr als ein einzelner herausragender Spezialist! Und welche Vorbedingungen erfüllt sein sollten, damit Kollektivintelligenz greifen kann, - darüber morgen mehr in einem gesonderten Beitrag.

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