Wie koordinieren sich 2.700 hochkarätige Wissenschafter?
Am CERN, der Europäischen Organisation für Kernforschung bei Genf, bereiten gerade 2.700 Wissenschafter (!) aus 36 Ländern (so Der Spiegel, 27/08) ihr größtes Experiment vor. Die Kernfrage, der das Heer der Physiker, Mathematiker und Ingenieure nachgeht, lautet: Was passierte vor 13,7 Milliarden Jahren? Also beim und unmittelbar nach dem Urknall?
Dieses aufwändige Megaexperiment soll die tiefsten Geheimnisse der Physik entschlüsseln. Die Entwicklung dieses Experiments begann bereits 1984, und mittlerweile haben die Techniker 80.000 Tonnen Material unter der Erde verbaut, plus rund 34.000 Tonnen Detektoren, denn die Teilchen sind so kurzlebig, dass sie nur anhand ihrer Spuren analysiert werden können. Hier sind ein paar Fotos verlinkt.
zu Deutsch "Großer Hadronen-Speicherring")
Kollektive Intelligenz oder Genie
Das Experiment selbst wurde "überall" im Netz schon ausführlich beschrieben. Spannend für mich ist hier: Wie gehen die Wissenschafter miteinander um? Welche Form des Wissensmanagements existiert? Wer ist das Genie - der Star - um den die restlichen Kollegen wie Planenten und Trabanten kreisen??
Die Soziologin und Wissenschaftsforscherin Karin Knorr-Cetina durfte den CERN Wissenschaftern jahrelang über die Schulter blicken.
Frau Knorr-Cetina hat einen nüchternen -- aber doch ganz respektvollen -- Blick auf die Welt der Wissenschaft gewonnen. Ihr zufolge sind wissenschaftliche Entscheidungen und Wahlhandlungen (?Selektionen?) in erster Linie von Gelegenheiten gesteuert, nämlich der Verfügbarkeit von Geräten, von Karrierechancen, von zugesprochenen Projektgeldern etc. Dies entspricht nun so gar nicht dem Bild des Prüfens von Hypothesen, wie es in der klassischen Wissenschaftstheorie (etwa Karl Poppers) vertreten wird.
Das sind ein paar Impressionen Knorr-Cetinas aus CERN:
- Die Zusammenarbeit am CERN kennt nur ganz wenig Hierarchien
- Es gibt einen Sprecher, der alles koordinieren soll, doch er hat keinerlei Weisungsbefugnisse!
- Kein Einzelner kann das Gesamte so richtig überblicken. Hier ist die astronomische Menge an Detailexpertise größer als dies ein Einzelner auf sich ziehen könnte.
- Das Heer der Wissenschafter, die jeweils besten ihrer Disziplin aus der ganzen Welt, bezeichnen ihr "Labor", den Beschleunigerring, als einen "Superorganismus", der eine "Art eigene Intelligenz entwickelt" habe.
- Das isolierte Genie, das im Elfenbeinturm intellektuelle Bravourstücke ausbrütet, gehört nicht in die Welt von CERN
- Hier muss jeder kooperieren, wenn er etwas erreichen will
- Wissen muss geteilt werden, alles am CERN ist Kommunikation
- "Die Entmachtung des Individuums" - Jeder muss die Interessen des Kollektivs hochhalten und priorisieren
- Verzicht auf die eigene Eitelkeit
- Veröffentlicht wird grundsätzlich im Kollektiv! Auf der Autorenliste stehen alle 2.700 Namen: die Reihenfolge wird einzig und allein durch das Alphabet bestimmt!
- Zu Konferenzen werden nicht einzelne Forscher eingeladen -- angekündigt wird nur das Experiment -- wer der Vortragende ist, bleibt nebensächlich.
Daher meine Hypothese: Je mehr hochqualifizierte Wissensarbeiter in an einem Projekt arbeiten, desto weniger Hierarchie ist vonnöten. Im Gegenteil, wahrscheinlich sogar hinderlich.
Übrigens: Am CERN wurde unter anderem auch 1989 die Idee des World Wide Web von Tim Berners-Lee geboren. Entscheidend für den Erfolg des WWW war u.a., dass Berners-Lee seine technischen Umsetzungen NICHT patentierte, sondern frei weitergab. Und die Maxime des World Wide Web Consortiums, nur patentfreie Standards zu verabschieden, ist ein großer Erfolgsfaktor des heutigen Web. Daher: Wissen teilen, bitte.
( °?°)













