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Den Zufall ausrotten. Ist das sinnvoll? (II.)

Der quasi vortrags-stilistische Antipode zu Anja Flicker (siehe Denkbloggade Posting von heute) könnte der Portfolio Worker Helmut F. Karner sein. Sein Vortrag am Lehrgang Wissensmanagement rekrutierte sich aus einem Fundus von weit mehr als hundert Powerpointfolien, aus denen einige, je nach Interesse und Diskussionsentwicklung, herausgepickt wurden. Hier ging man nicht mikroverplant Schritt für Schritt vor, sondern in einem weiten, gedanklichen Bogen, der sich über einzelne Erzählspiralen gedreht spannte. Aus zueinander gefügten, offenen Räumen entwickelte sich ein Universum.

Machen wir es ähnlich, und stellen einen Teil des Karner'schen Thesen-Universums in Gulaschbrocken serviert vor:

  • Being in Corporate Life, besonders in Großunternehmen, widerspricht der menschlichen Natur
  • Wir wirtschaften anachronistisch: Alle gängigen Management-Paradigmen sind über hundert Jahre alt (Gary Hamel: The Future of Management)
  • Hierarchisch-funktional organisiert sein ist anachronistisch
  • Nur 28 Prozent aller Information ist als dokumentierte Information verfügbar (explizit) -- 72 Prozent sind "tacit" (implizit, also an einen Wissensträger gebunden, nicht dokumentiert oder nicht dokumentierbar)
  • Wissen ist instabil, d.h. es hat eine geringe Halbwertszeit. Daher sind Systeme instabil. Folglich gilt als Planungsparadigma Try & Error!
  • Selbstorganisation ist ebenso Paradigma
  • Komplexe Systeme in der Natur sind nicht steuerbar - analog dazu: bis in der Wirtschaft eine Regulierung schließlich greift, ist bereits ein Workaround geschaffen worden und die Situation eine neue
  • So sind SAP-Prozesse für ein Dauer von 12 bis 15 Jahren angelegt. Aber Prozesse verlieren nach 2 bis 3 Jahren ihre Gültigkeit! Daher ist die IT oft ein Verhinderer ...
  • Nobody can do it alone - daher ganze Gruppen bewerten, nicht Einzelne
  • Es geht nicht um Wissenstransfer, sondern um Wissensinduktion: Wissen, das schlummert, soll aktiviert werden
  • Und übrigens: Wissensmanagement als Beratungsmarkt ist in Österreich tot.

Als Best Practice empfiehlt Helmut Karner Story Telling, Yellow Pages, Knowledge Mapping (anhand regelrechter Wissenslandkarten), Wissen als "Flow", nicht als "Stock" behandeln sowie "Relevanz, nicht Vollständigkeit" anstreben.

Ich wäre ein Masochist, würde ich mir hier verkneifen, Wiki oder Folksonomie hinzuzufügen ...

Konnte ich Ihnen jetzt die Frage "Den Zufall ausrotten. Ist das sinnvoll?" irgendwie implizit beantworten?

c(^_>^)


Der Lead User, Lebenselixier aller Innovation

Vorgestern durfte ich im Rahmen eines Workshops Frank Piller, Inhaber des Lehrstuhls für Technologie- und Innovationsmanagement an der RWTH Aachen, zuhören. Im Gegensatz zu seinen Studenten durften wir gleichzeitig auch essen: Wundersam aufgetürmte Gebirgszüge aus würzigem Wurstaufschnitt, gesäumt von milchig duftenden Wäldern aus Käse, dazu frische Mostflüsse und bissigen Kren ? schlimm schön war?s!

Trotzdem erwies sich die geistige Nahrung als nachhaltiger. Was waren die Thesen Frank Pillers? Hier diejenigen, an die ich mich noch besser erinnern kann:
  • Kreativität fördern anstatt selbst kreativ sein
  • Die User unterstützen, selbst Wert zu erzeugen!
  • Infrastrukturen bereit stellen, die Do-it-yourself (DIY) ermöglichen
  • Problemstellungen veröffentlichen ? nicht kreative Talente suchen
  • 80 Prozent aller Innovationen stammen von autonomen Lead Usern

Wer bitte sind Lead User? Diejenigen, die ganz am Beginn eines Trends oder einer Entwicklung stehen. Sie haben ein bestimmtes Bedürfnis und tüfteln und basteln an einer Lösung für sich selbst und ihren Freundeskreis. Sie sind getrieben von dem Wunsch, eine geeignete Lösung zu ihrer Problemstellung zu finden und besitzen daher in vielen Fällen einen Expertenstatus auf ihrem Gebiet. In der Regel nehmen sie Teil an einer Community (im Internet), die Wissensaustausch und wechselseitige Unterstützung bietet.

Camelbak Rocket

Eine etwas weiträumiger angelegte Definition besagt, dass Lead User eine kleine Gruppe von Unternehmen sind, die neue Produkte kaufen und nutzen, weil sie sich davon bestimmte Vorteile erhoffen. Sie nutzen das Produkt für sich selbst sehr viel früher als andere, die diesen Bedarf erst später erkennen.

In Befragungen über Produkte und Services, die es noch nicht gibt, können herkömmliche Kunden kaum sagen, was sie künftig wollen. Daher versucht die Industrie, Lead User in die Produktentwicklung einzubeziehen und führt gemeinsame Workshops durch (Lead User Methode).

Einfaches Beispiel: In den USA ersann ein Marathonläufer eine Vorrichtung, um während des Laufs trinken zu können ohne eine Flasche in die Hand nehmen zu müssen. Er errechnete sich daraus einen Zeitvorteil. Er band sich einen Erste Hilfe-Infusionsbeutel um den Oberkörper und ?verlegte? den Schlauch direkt zu seinem Mund. Viel später erst optimierte ein Geschäftsmann die Methode, als er wiederholt die mit Infusionsbeuteln verklebten Jogger beobachtete. Heute haben viele Rucksackhersteller diese Idee serienreif gemacht, insbesondere für Mountainbiker, die ihre Hände nicht von der Lenkstange nehmen sollten (Camelbak, Hydrapak, Vaude, Deuter, North Face, Dakine u.a.) Der Suchbegriff dazu heißt Trinkrucksack.

(^g*)


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